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Woran ich (gerade) arbeite ...

MännerTod

Der Stich des Skorpions

Ein Höxter-Krimi

Die Pannemann

Su­sanne kochte vor Empö­rung über ihre »Zwangs­ver­set­zung« in den Akten­keller. Ihr ange­stauter Zorn suchte ein Opfer: Sie hieb auf die Cannel­loni ein, dass die Soße über den Tisch spritzte. Die Tür­kise an ihren Fin­gern klapper­ten gegen den Teller. Kantinen­besucher warfen ver­stohlene Blicke he­rüber, tuschel­ten über sie. Vor allem die Mit­arbei­terin­nen! Seit sie bei der schief­ge­gan­ge­nen Verhaf­tung eines Mordver­dächtigen über­wältigt und ent­führt worden war, hatte sie ihren Spitz­namen weg: die »Panne­mann«. Die hämische Verball­hornung klebte an ihr wie Hunde­kot an der Schuh­sohle, zog ihre bisher erfolg­reiche Arbeit ins Lächer­liche. Reichte es denn nicht, dass sie sich Nacht für Nacht durch die schreck­lichen Ereig­nisse quälte? An jeden verdamm­ten Moment erin­nerte sie sich! Bis zu dem Augen­blick, wo sie mit ent­sicher­ter Waffe vor dem mut­maß­lichen Mörder stand.

Der Hass in seinen Augen zeigte ihr: Kampf­los würde er sich nicht fest­nehmen lassen! Er sprang vor, sie drückte ab. Kein Rück­stoß! Er nutzte ihre Über­raschung, schlug sie nieder. Film­riss! In einem Koffer­raum kam sie zu sich. Schnei­dendes Bren­nen an Hand­gelen­ken und Knöcheln über­lagerte die Erin­nerung an die voran­gegan­genen Ereig­nisse: Das stramm um ihre Hand­gelenke ge­wickelte Panzer­band be­strafte jede Bewe­gung mit rasen­dem Schmerz. In ihrem Kopf rum­pelte eine Geister­bahn durch hals­breche­rische Kur­ven. Ihr Magen rebel­lierte. Kleb­rige Feuch­tig­keit rann vom linken Ohr träge über ihren Hals. Ein öli­ger Lumpen steckte in ihrem Mund. Ein Streifen Klebe­band verhin­derte, dass sie ihn aus­spuckte. Panisch saugte sie Luft durch die Nase, kämpfte gegen den Würge­reiz: Wenn sie erbrach, würde sie ersti­cken!

Hatte sie abge­drückt? Ja, denn der aus­blei­ben­de Rück­stoß hatte sie der­maßen irrit­iert, dass von Ams­lingen sie über­wältigen konnte. Lade­hem­mung? Un­wahr­scheinlich: Sie hatte ihre Pistole vor der Ak­tion trotz der Stö­rung durch einen ihr unbe­kannten Kolle­gen von der Drogen­fahndung sorg­fältig über­prüft. Viele Fra­gen, keine Ant­worten. Susanne rutschte unkon­trolliert herum: Der Wagen hol­perte über kurven­reiche Wege. Hinter ihr gluckerte es dumpf. Ein Benzin­kanister? Hatte er vor, sie zu ver­bren­nen? Jede Rechts­kurve spen­dierte einen Schlag in ihre Seite. Jau­lend wankte das Fahr­zeug durch ein Schlag­loch. Ihre Stirn knallte auf die muf­fige Gummi­matte, die den Koffer­raum­boden be­deckte. Sie roch Benzin – und Pulver! Ihr Gehirn ratterte: Was hat er mit mir vor? Wie komme ich hier raus? Mit hinter dem Rücken gefes­selten Händen war schwer zu erta­sten, was die hef­tigen Stöße in ihre Niere ver­ur­sachte: ein Rad­muttern­schlüssel. Zu un­hand­lich, um damit die Fesseln zu sprengen. In der Enge des Koffer­raums unge­eignet zur Vertei­digung. Der Wagen stoppte, wippte in der Fede­rung: Er stieg aus. Angst schoss in ihre Kehle, ihre Hände krampf­ten sich um das stäh­lerne Werk­zeug.

Der Koffer­raum­deckel schwang auf, Licht stach ihr in die Augen. »Lass das Ding los!« Ein Gewehr­lauf zielte auf ihren Kopf. Neben dem Körper ihres Ent­führers, nichts als fin­stere Sil­houette vor grellem Hinter­grund, ragten Kiefern maje­stätisch in den Himmel. Bö­iger Wind ließ wan­dernde Schleier trockener Nadeln herab­regnen, die dem Wald ein ander­welt­liches Ge­präge ver­liehen. Von Ams­lingen, wegen mehr­fachen Mordes ge­sucht, zerrte sie mit der linken Hand auf den Wald­boden, schnitt die Kabel­binder an ihren Knöcheln durch. Mit groben Tritten zwang er sie auf die Füße, riss den Klebe­streifen von ihrer Wange. Ein dunkel­roter Streifen blieb als bren­nendes Fanal zurück. Sie spuckte den stinken­den Knebel aus. »Keinen Laut!«, drohte er und stieß ihr den Lauf ins Gesicht. Su­sanne stol­perte, verlor die Ba­lance und lan­dete mit dem Gesicht in Kiefern­nadeln. Spuckend rollte sie auf die Seite. Sie schmeckte Blut. Ihre Zunge jagte pulsie­rende Schmerz­wellen in ihren Kopf. Der Ent­führer lehnte das Ge­wehr an einen be­moos­ten Baum­stumpf. Packte mit der Linken in den Kragen ihrer Jacke, hob sie wie einen Sack Kar­toffeln in die Höhe. Hilflos stram­pelte sie in der Luft, bevor er sie auf die Füße fallen ließ. Ein kräf­tiger Stoß mit dem Gewehr war Grund genug, sich zu bewe­gen. »Er benutzt nur die linke Hand! Ist die rechte verletzt?« Die Gedan­ken hetz­ten durch ihren Kopf. Wenn sie den Hang hinunter floh, musste er sich erst drehen, um auf sie zu schießen: Ein winziger Vor­teil! Sie beweg­ten sich auf einem von Rehen ausge­trete­nen Steig quer zum Abhang: Wo der Boden nicht von Nadeln bedeckt war, hatten sich zier­liche Hufe eingedrückt. Der lichte Kiefern­wald bot Su­sanne keine Orien­tierungs­punkte. Nichts verriet die Nähe einer Straße oder An­sied­lung.

Knackende Äste ließen beide nach links schwenken. Von Ams­lingen peilte den Hang hinauf, der Gewehr­lauf folgte instink­tiv seinem Blick: Ihre Chance! Sie hech­tete berg­ab zwischen die Stämme, schlug Haken. Schüsse peitsch­ten, Holz­split­ter tanzten um ihren Kopf. Pa­nisch sprang sie weiter, geriet aus dem Gleich­gewicht. Stür­zend rollte sie sich zu­sammen: »Hoffen­tlich schlage ich mir nicht den Schädel ein!« Ein Ast fuhr zwi­schen ihre auf dem Rücken gefessel­ten Arme, riss sie jäh nach oben. Ihre Schul­tern protes­tierten, glühen­des Bren­nen an ihren Hand­gelen­ken folgte. Sie presste die Lip­pen aufein­ander, um nicht zu schreien.

Trockene Nadeln brems­ten ihren Fall. Sie robbte weiter. Mit selt­samer Dis­tanz kon­sta­tierte sie, dass das Klebe­band an ihren Hand­gelen­ken beim Sturz gerissen war und blutige Striemen hinter­lassen hatte. Der ab­schüss­ige Hang be­schleu­nigte ihre pani­sche Flucht. Nach einer unbe­absich­tig­ten Rolle vor­wärts prallte sie gegen einen Stamm. Ihre Rippen knack­ten. Kiefern­nadeln und Zapfen prassel­ten auf sie herun­ter. Toben­de Stiche in der Brust zwan­gen sie zu flacher Schnapp­atmung, gleich einem Fisch auf dem Trocke­nen.

Äste brachen, Polster aus Nadeln knis­ter­ten: Von Ams­lingen stie­felte ohne Rück­sicht auf den Lärm, den er verur­sachte, den Ab­hang hinun­ter. Su­sanne drückte sich an die Kiefer in ihrem Rücken. Sie at­mete mit offe­nem Mund, wünschte sehn­lichst, der Schmerz ließe nach. Ihr Puls häm­merte. Sie unter­drückte den Impuls, auf­zu­sprin­gen, ihrem Flucht­in­stinkt zu fol­gen. Wider­strebend öffne­te sie die Augen, blin­zelte un­gläu­big: Der Mörder stapfte an ihr vorü­ber! Unter den herab­hängen­den Ästen hatte er sie in den ange­häuften Nadeln nicht ent­deckt. Geräusch­voll ver­schwand er aus ihrem Gesichts­feld.

Susanne schob har­zige Zweige zur Seite und kroch in die andere Rich­tung davon. Ihr Herz hüpfte beim ent­fern­ten Brummen eines Motors: Eine Straße! Schaffte sie es dort­hin, war sie gerettet. Sie hielt inne, lauschte: Wo war ihr Ver­fol­ger? Weit hinter ihr ein hallte ein def­tiger Fluch durch den Wald: Er hatte seinen Fehler bemerkt. Das Motoren­geräusch kam näher. Los! Wenn sie nicht genug Ab­stand zu von Ams­lingen hatte, würde er sie erwi­schen! Sie schlän­gelte sich am Boden hang­abwärts. Ohne Blick zurück wagte sie nach etli­chen Metern, sich aufzu­richten. Sie hastete auf das graue Band zu, das hoff­nungsvoll zwischen den Bäu­men auf­tauchte. Angst schnürte ihre Brust zusam­men, ihre Lunge brann­te. Sie hörte ihn: Er stürmte im Lauf­schritt den Hang hinun­ter.

Susanne rannte los. Eine Kugel sirrte über sie hin­weg. Sie stol­perte auf die Straße, der Wagen glitt an ihr vorbei. Ver­passt! Wei­nend fiel sie auf die Knie, hustete Blut­spritzer auf den Asphalt. Brem­sen quietsch­ten, das Auto setzte zurück. Der Fahrer sprang heraus, zog sie auf die Beine, schob sie auf den Rück­sitz. »Weg! Weg! Er kommt!« Das Gesicht im Rück­spiegel kam ihr bekannt vor: Es betrach­tete sie mit einer Miene, die Sorge und Miss­trauen wider­spie­gelte. Heißes Hecheln in ihrem Nacken: Ein Hund? Sie erinner­te sich: »Garou!« Explo­dieren­der Schmerz im Rücken rammte sie gegen den Vor­der­sitz.

Susanne er­wachte im Kranken­haus. Ihr fehlten ein paar Wochen, die in ihrer Erinne­rung nicht exis­tierten. Die Welt hatte sich weiter­gedreht und sie mitleid­los zurück­gelassen. Ein Arzt erklärte: »Sie humpeln an Krücken für Ihre Seele. Die braucht viel mehr Zeit zum Heilen als Ihre Knochen.« Ihre täg­liche Energie-Ration reichte kaum bis zum Mittag. Die ausge­brannte Asche legte sich Schicht um Schicht wie erkal­tende Lava auf ihre Seele.

Neben Selbst­zweifel traten Panik­anfälle: Der schwarze Fleck in ihrem Gedächt­nis wei­gerte sich, zu verschwin­den! Hatte sie abge­drückt? Hatte die Pistole ver­sagt? Wieso? Wes­halb? Warum? Ihre Fragen drehten sich im Kreis: »Round and round and round again …« Ihre Waffe wurde nicht gefun­den, gab keine Antwor­ten. Zwei ihrer Ringe mit farb­lich abge­stimmten Tür­kisen waren eben­falls ver­schwunden.

Nach dem Kranken­haus die Reha: Susan­ne kroch durch ein ihr fremdes Leben, sank von Woche zu Woche tiefer in die Ver­zweiflung, denn Besse­rung stellte sich nicht ein. Ihr neuer Vor­gesetz­ter verur­sachte den end­gül­tigen Ab­sturz: Wolf­gang Mann­hardt bezwei­felte, dass sie je wieder voll einsatz­fähig sein würde! Er drückte ihr einen Innen­dienst­job auf. »Kurie­ren Sie sich am Schreib­tisch erst gründ­lich aus, dann sehen wir weiter.« Sein aus dem Hand­buch für Füh­rungs­kräfte ange­lerntes Wort­geklin­gel ver­hüllte not­dürftig sein Ziel, sie loszu­werden: »Ein lahmer Gaul gehört zum Ab­decker und nicht ins Rennen!« Sie hatte Mann­hardts zy­nische Bemer­kung dem Arzt gege­nüber mitbe­kommen und war neben dem Bett zu­sammen­ge­brochen.

Die Cannel­loni blie­ben zer­stückelt auf dem Schlach­tfeld zurück: Susanne floh vor den teils mitlei­digen, teils hämischen Blicken in den Akten­keller. Seine staubig-trockene Atmo­sphäre bot ihr einen Rück­zugs­ort: Der Groß­teil der Akten war in­zwischen digi­talisiert, kaum jemand verirrte sich je dorthin. »Scheiße, Scheiße, Scheiße«, fluchte sie in den abgestan­denen Mief von zer­bröckeln­dem Papier. Aus Ärger über ihre hyste­rische Reak­tion biss sie in die Finger­knöchel ihrer geball­ten Faust. Der Schmerz holte sie zurück. Sie drückte ›Start‹ auf ihrem Audio-Player.

Die vertrau­ten Töne von Beet­hovens Wald­stein­sonate erfüll­ten das Archiv. Den Fingern des Virtuo­sen gleich flo­gen ihre Gedan­ken dahin. Pro­fessor Ludger Matern würde bei seinem näch­sten Orgel­konzert in der Abtei Marien­münster wieder mit Perfek­tion und Humor brillie­ren: Drei Stunden, die ihr see­lisches Leid wenig­stens vorüber­gehend milder­ten! »Susanne, reiß dich zusam­men! Weiter Alt­papier um­schichten«, ermahnte sie sich. Mit der Fern­bedie­nung des Players, dessen Fest­platte ihre Samm­lung klassi­scher Musik ent­hielt, wähl­te sie einen neuen Track. Sie schlug einen der ausge­bleichten Hefter unbe­arbei­teter Alt­fälle auf. Summend folgte sie dem flirren­den Auf und Ab der Noten. Susanne klappte die Mappe zu, bevor das ›Alle­gro con brio‹ ver­klang. »Ge­brauch­tes Lame­tta zu bügeln, ist auf­regen­der!« Die Akte flog auf den Stapel »Über­prüft«.

»Was wird, wenn ich mit diesem Quatsch durch bin? Wenn Mann­hardt meine Dienst­taug­lich­keit weiter­hin in­fra­ge stellt?« Sie malte sich fürch­ter­liche Sze­na­rien aus, traute ihm alle Schlech­tig­keiten zu. »Er wird mich so frus­trieren, dass ich en­tnervt das Feld räume.« Susanne tippte die ›Weiter‹-Taste für den zwei­ten Satz und griff zur nächs­ten Mappe. Die ersten Noten des »Ada­gio molto« weh­ten durch ihren Kopf. Die Papier­berge in den Rega­len saugten die Klänge auf wie ein Wolf auf dem Geigen­steg. Mit kind­lichem Stau­nen hatte sie das ver­gilbte Noten­blatt im Bonner Beet­hoven-Haus betrach­tet: Kaum vor­stell­bar, dass diese blassen Kritze­leien ein unend­liches Uni­versum von Musik um­fassten! Mit welcher Kraft und Konzen­tration Daniel Baren­boim dieses musi­kalische Welt­all für sein Audi­torium auf­spannte! Irri­tiert huschten ihre Augen im Proto­koll zurück. »Was ist denn das?« Sie stoppte den Player. Beet­hoven und Baren­boim versanken im Nir­wana.

Genervt überflog sie die bizar­ren Um­stände des Falles: Eugen Wenzel, ein Ange­stellter der Post, ermor­det seine Ver­lobte. Sein Leu­mund ist unta­delig und er bestrei­tet vehe­ment, die bestia­lische Tat began­gen zu haben. Er macht »Sie« dafür verant­wortlich. »Sie« sind spinnen­beinige Monster aus der Tiefe des Welt­alls, die im »Teufels­loch« hausen. Mit wachsen­der Ent­geiste­rung las sie die selt­same Ge­schichte über den »Fluch vom Teufels­loch«: Am Ende des Dreißig­jährigen Krieges habe ein Fremder eine Ka­pelle am Wein­berg angezündet. Sie brannte bis auf ein paar Eichen­balken nieder. Aufge­brachte Dörfler griffen den Brand­stifter unter Führung eines reli­giösen Fana­tikers namens Jonathan Mallinck­rott auf und kette­ten ihn auf ein Kreuz aus angeko­kelten Bal­ken der Kapel­le. In einer gruse­ligen Pro­zession zerr­ten sie ihn in die sumpfi­gen Weser-Auen. Seine Unschulds­beteue­rungen ver­hallten unge­hört: Sie warfen ihn in eine der Grund­losen.

Der Mensch versank trotz der schweren Eichen­balken nicht in der Tiefe! Die aber­gläubi­schen Dörler, die um das Loch herum­standen, bekreu­zigten sich: Der war gewiss mit dem Teufel im Bunde! Der Gekreu­zigte bele­gte sie mit den schlimm­sten Ver­wün­schun­gen. Jonathan Mallinck­rott hetzte die Dorf­be­wohner auf, ein Ende zu machen: Unter einem Hagel eilends vom Zie­gen­berg her­bei geschaff­ter Kalk­steine ver­schwand der übel Zu­ge­rich­tete in der brodeln­den Brühe. Mit letz­tem Atem verf­luchte er Jona­than und dessen Nach­fahren. Der angehen­de Priester Johannes Mallinck­rott hielt seinen Bruder Jona­than mit Gewalt davon ab, sich dem Frem­den in das schwarze Wasser hinter­her zu stürzen.

Legende hin oder her, dem Proto­koll zufol­ge war bis heute je­der männ­liche Nach­komme dieses Jonathan Mallinck­rott un­natür­lich zu Tode gekom­men: In der Akte fand sich eine Liste der Todes­fälle in der Fami­lie. Die Häu­fung nicht natür­licher Todes­ur­sachen unter den Männern war auf­fällig. Mit einem An­flug von Belus­tigung las sie, dass der letzte leben­de Nach­fahre, dessen Name nicht erwähnt war, dem »Fluch« bisher ent­gangen war: Er hielt sich in einer geschlosse­nen An­stalt auf. Susanne schmun­zelte: »Geistige Ver­wirrung schützt offen­bar vor dem ver­fluch­ten ›Männer­tod‹.«

Der Mörder Eugen Wenzel landete gleich­falls in psychia­trischer Behand­lung: Ein Sach­verstän­diger attes­tierte ihm Schuld­unfähig­keit. Ein Mit­in­sasse namens Ulf Gerste petzte bei der Anstalts­leitung: Wenzel habe mit der Un­tat ge­prahlt. Ob­wohl die Poli­zei von diesem Um­stand er­fuhr, stellte man die Ermitt­lungen ein. Su­sanne warf den Hefter zu den über­prüften Fällen: »Keine Ermitt­lungs­ansätze, aber von ge­wissem Unter­haltungs­wert.« Sie zö­gerte, eine neue Mappe vom un­bearbei­teten Stapel zu ziehen. Mit einem Seuf­zer öffnete sie die letzte Akte erneut und notierte auf einem rosa Post-It die Namen ›Eugen Wenzel‹, ›Jona­than Mallinck­rott‹, ›Ulf Gerste‹ sowie ›spinnen­beinige Mon­ster aus dem Teufels­loch‹. »Schauen wir, was der Com­puter über Wenzel und Gerste aus­spuckt.« Ohne hoch­ge­spannte Erwar­tungen verließ sie das Archiv: Zeit für ihre Gym­nas­tik. Kein Ersatz für die Lang­strecken­läufe von früher. Wenig­stens vergaß sie für eine Stunde ihren see­lischen Schmerz.

Soko Halb & Halb

Die Tage schlichen dahin. Der Stapel »Über­prüft« wuchs. Resul­tate in Form neuer Ermitt­lungs­an­sätze blie­ben aus. Susannes Laune kippte vom un­kon­trollier­ten Sink­flug in den sen­krech­ten Ab­sturz: Die Sinn­losig­keit ihrer Arbeit laste­te auf ihr wie der Fels­brocken von Sisy­phus, dem von den Göt­tern bestraf­ten König von Korinth. Das ewig gleiche, nichts­sagen­de Behörden-Blabla der Akten verwan­delte ihre Ver­zweiflung in Wut: »Mit diesem Ge­schreibsel kann man ja nicht ein­mal einem Holz­wurm das Bohren auf frischer Tat nach­weisen.«

Voller Groll auf ihren un­fairen Chef, ihre sinn­lose Arbeit, ihre beschi… Lage, wischte Su­sanne die dunkel­grüne Plastik­unter­lage vom Schreib­tisch. Ver­dutzt schaute sie einem rosa Zettel nach, der der Schreib­unter­lage hinter­her taumelte: ihre Notiz aus dem Fall mit dem »Teufels­loch«. Sie bückte sich. Das Telefon klingel­te. Erstaunt verharr­te sie gebückt: Seit sie hier unten saß, hatte sie nie­mand ange­rufen! Hastig richtete sie sich auf, griff zum Hörer. »Um Drei in meinem Büro. Ich brauche Sie hier.« Ihr Chef. Ohne Gruß, ohne Anre­de. Kein ›Wie geht es Ihnen? Wie kommen Sie voran?‹. Er hatte ange­spannt geklun­gen. Was wollte er von ihr?

Gedanken­verloren verfolgte sie den geschäftig springenden Se­kunden­zeiger ihrer Arm­band­uhr: der ›Geher‹, ein schrei­ten­des grünes Männ­chen auf einem un­schul­dig weißen Ziffer­blatt. »Ich hätte besser das Pen­dant mit dem roten ›Steher‹ gekauft. So komme ich mir ge­rade vor.« Sie hob die Notiz auf. Ihr blieb eine Stunde. Mittag­essen oder Daten­abfra­ge? Sie tippte einen der Namen in die Abfra­ge-Maske auf dem klobi­gen Röhren­bild­schirm. Erging sich dabei in bissi­gen Bemer­kungen über die vor­sint­flut­liche Tech­nik. Bis mit Ergeb­nissen zu rech­nen war, konnte es dauern. »Komm, ich lade dich zum Essen ein«, forderte sie ihr blasses Gegen­über in dem erblin­den­den Spiegel neben der Tür auf. Ihre Wangen­knochen traten deut­licher hervor: Hatte sie abge­nommen? Ein Witz­bold hatte mit breitem Per­manent-Marker auf das Glas gemalt: »Erkenne dich selbst!«

Erschöpft kehrte sie kurz vor Drei in die »Gruft« zurück. Sie brachte es nicht über sich, den unper­sön­lichen Raum ihr »Büro« zu nennen. Zu ihrer Über­raschung blinkte der Cursor auf dem Compu­ter-Bild­schirm unter einigen Text­zeilen. Mit offenem Mund überflog sie die ausge­gebenen Daten: Eugen Wenzel, der seine Ver­lobte tötete, war bereits ein­mal wegen eines Tot­schlag-Deliktes ange­klagt, wurde aber aus Mangel an Beweisen freige­sprochen. Das psychia­trische Gut­achten er­sparte Wenzel eine lang­jährige Haft­strafe. »Im Ver­gleich zum Knast lebt es sich in der ge­schlosse­nen An­stalt sicher komfor­tabler.« Susanne schämte sich für diesen Gedan­ken. Zur Strafe entschied sie sich für die Treppe. Ihre Tür­kise an den Fingern protes­tierten klirrend bei jeder Wende auf den Edel­stahl-Hand­läufen.

Mannhardt stapfte mit unter­drückter Erre­gung im Büro auf und ab. Eine dünne Akte auf seinem zerkratz­ten Schreib­tisch wirkte fehl am Platze. Er raffte sich zu einem Small-Talk auf: »Wie kommen Sie mit den Alt­akten voran?« Um ihre Arbeit nicht als ergeb­nislos dar­stellen zu müssen, berich­tete Susanne, ohne Namen und Details zu nennen. Ihr Chef winkte rasch ab: »Lassen Sie das liegen. Dies hier ist dringen­der!« Er schlug auf den Hef­ter, drehte ihn zu ihr um. Er fiel auf seinen Dreh­stuhl, der bedroh­lich knackend unter ihm zu­sammen­sackte.

Susanne hob eine Augen­braue: Was machte der denn für einen Aufriss? »Sie über­nehmen diese Fälle!« Der Chef klatschte mit der flachen Hand auf Akte. »Drei Menschen laufen Amok, leiden an merk­würdi­gen Symp­tomen. Verhalten sich hemmungs­los und gewalt­tätig. Sterben unter unsäg­lichen Qualen. Die Gehirne der Opfer schwellen an. Medi­zinische Er­klärun­gen gibt es bisher nicht. Neben einer unbe­kannten Krank­heit könnte es sich um eine neue Extrem-Droge handeln. Oder wir haben es mit einem irren Gift­mör­der zu tun. Alles Vermu­tungen. Genau­so wie das Ge­wäsch vom Teufels­loch. Sie leiten ab sofort eine Sonder­kommis­sion. Ich habe sonst nieman­den mehr, der das über­nehmen kann.«

Susanne über­kam ein Schwindel: Na, bravo! Nur dem herrschen­den Personal­mangel ver­dankte sie diese Chance? Sie setzte sich kerzen­gerade auf. »Heißt das, ich arbeite wieder regulär? Vollzeit? Wieso ›Teufels­loch‹?« Mannhardt unter­brach ihre Frage­flut und schob den aufge­schlagenen Akt mit einer knappen Geste über den Schreib­tisch. Sie über­flog die erste Seite.

»Ulf Gerste?« Susannes Organ kletterte eine Ok­tave höher. Ihr Chef bekam einen irritier­ten Aus­druck. Sie drückte ihre Stimme hastig Rich­tung Alt: »Ulf Gerste! Was hat der mit den Todes­fällen zu tun?« Mann­hardt fiel aus allen Wolken. »Und was haben Sie mit Gerste am Hut?« »Sein Name steht in einer der Alt­akten. Der Fall Eugen Wenzel: Mord an seiner Verlob­ten. Hatte ich vor­hin erwähnt. Darin ist ebenfalls von einem Teufels­loch die Rede.« Sie beob­achtete ihren Chef, suchte nach Anzei­chen von Spott oder Scherz. Stellte er ihr eine Falle? »Keine Ahnung. Einer der Toten – er schnippte mit dem Zeige­finger gegen den dünnen Hefter – brab­belte was von ›denen aus dem Teufels­loch‹, bevor er starb.«

Susanne hielt nichts von Zufällen und blätter­te weiter durch die Akte. Mannhardt ent­zog ihr den Hefter brüsk. »Kommen Sie! Ihr neuer Kollege wartet. Die Ge­schichte stinkt gera­dezu nach Ärger mit der Presse. Das sagt mir mein Bauch. Und der irrt sich nie!« Er stampfte aus dem Büro. Mann­hardt hatte »neuer Kollege« gesagt. Sie brauste inner­lich auf: Er hatte über ihren Kopf hin­weg gehan­delt. Ihr nicht einmal ein Mit­sprache­recht bei der Aus­wahl der Mitar­beiter einge­räumt!

Der Chef stach mit seinem wuls­tigen Zeigef­inger in den spar­tanisch mit Möbeln besie­delten Raum: »Berge­mann. Doktor  Thomas Berge­mann.« Sein Daumen schwenkte in ihre Rich­tung. »Susanne Hanne­mann. Ihre Chefin.« Der Kollege grinste sie breit­schul­trig hinter dem Schreib­tisch an. Er streckte ihr einen musku­lösen Arm entge­gen, ohne auf­zustehen. Ihr Lächeln gefror: Sein Benehmen war respekt­los! Hatte sich ihre Geschichte bereits zu ihm herum­gesprochen? Jedem neuen Mitar­beiter wurden unaus­weichlich die ausge­schmückten Details unter die Nase ge­rieben.

Susannes Magen meldete sich schmerzhaft: ein untrüg­liches Zeichen für unter­drückten Ärger. Er hatte sich den besten Platz im Büro ausgesucht. »Ein Macho! War ja klar.« Zornes­röte schoss ihr aus dem De­kolleté ins Gesicht. Sie lehnte sich vor und drückte Berge­manns Hand fester als beab­sichtigt. Um ihren Zorn zu über­spielen, ersparte sie sich die Be­grüßung und fragte kurz angebun­den: »Was haben wir?« Sie deutete auf die Papiere auf dem Schreib­tisch. Mann­hardt warf den dünnen Hefter zwischen sie und Dr. Berge­mann. Trat rasch zurück, als erwartete er, dass die beiden sich darum prügel­ten wie Straßen­köter um einen Knochen.

Bergemann beugte sich vor, um den Hefter zu greifen. Die Rücken­lehne seines Schreib­tisch­stuhls irri­tierte Susanne einen Augen­blick. Sofort konzen­trierte sie sich wieder auf seine Worte. »Der erste Tote, männlich, 45 Jahre alt: Werner Dom­brow­sky. Wütete vor seinem Tod in einer Gast­stätte wie ein Berser­ker. Er ist, er war Ange­stellter in einer Spe­dition im Gewerbe­gebiet zur Lüre. Hat bestens verdient, war allein­stehend. Einziges Hobby: Angeln an der Godel­heimer Seen­platte.«

Susanne folgte gebannt dem sonoren Auf und Ab von Berge­manns Stimme: »Tragen­der Bari­ton. Wie damals.« Ihre Gedan­ken schweiften ab zu einem Konzert vor gerau­mer Zeit. Da hatte es einen ausge­sprochen gut aussehen­den Sänger gegeben. Er hatte sie zum Essen einge­laden. Leider galt sein In­teresse nicht der gebra­tenen Gänse­brust, sondern ihrer Ober­weite. Die Ohr­feige hatte gesessen. Berge­manns Räuspern brachte sie zurück in die Gegen­wart.

»Wohnungs­nachbarn beschrieben ihn als grund­solide. Niemand hat eine Erklä­rung für die kata­strophale Verän­derung inner­halb weniger Tage: Aufbrau­send bei jeder Gelegen­heit. Klagte über dauern­de schwere Kopf­schmerzen. In einer Kneipe in der Stummrige Straße rastete er nach dem ersten Bier der­maßen aus, dass der Wirt ihn nicht bän­digen konnte. Von der herbei­gerufenen Streife prügelte er zwei Kollegen kranken­haus­reif. Bus­fahrer, die zufäl­lig vorbei kamen, überwäl­tigten ihn schließlich. Er starb in der Aus­nüch­terungs­zelle, be­vor der Arzt erschien.«

Bergemann drehte seinen Rollstuhl zur Seite und fuhr auf quiet­schen­den Reifen zum White­board. Susanne ver­schluckte sich vor Über­raschung: Der Kollege war nicht respekt­los, sondern behin­dert! Schuld­bewusst­sein über­schwemmte sie. Der ›Doktor‹ drehte ihr zum Glück den Rücken zu und zeigte mit einem grünen Laser­pointer auf ein Rönt­gen­bild: »Das hier ist selt­sam!« Sie trat neben ihn. Er deu­tete auf eine Stelle der Auf­nahme, berührte mit dem Unter­arm ihren Ellen­bogen. Sie sprang wie von der Taran­tel gestochen zurück. Schmerz schoss heiß bis in ihre Schul­ter. Berge­mann wandte sich erschrocken um: »Oh! Tut mir leid. Liegt am Boden­belag. Da lade ich mich elektro­statisch auf.« Susanne lachte ge­quält. »Was wollten Sie mir zeigen?« »Äh. Ja. Hier!« Ihr Blick folgte dem grünen Licht­strahl, hielt dabei deut­lichen Abstand zu ihm. Er lächelte entschul­digend: »Jetzt bin ich erst mal unge­fährlich. Deswe­gen bin ich Ihnen vorhin nicht ent­gegen ge­fahren.« Sie verlor sich in seinem Lächeln, bis er sich ab­wandte. Ihre Augen suchten das Rönt­genbild. »Was ist dieses kreis­förmige Loch? Hatte er eine Schädel­opera­tion hinter sich?«

Der Doktor schüttelte die kastanien­braunen Locken. »Nein. Keiner seiner Ärzte weiß davon oder konnte erklä­ren, bei welcher Art von Opera­tion ein Loch an dieser Stelle gefräst werden würde. Keine Maschine, wirkt eher wie Hand­arbeit, meint der Gerichts­medi­ziner. Der Knaller ist: Der Tote selbst wusste nichts davon!« Susannes Augen irrten zwischen Berge­mann und der Auf­nahme hin und her. »Wieso? Woher wissen Sie das?« Sie gewahrte einen An­flug von Röte in seinem Gesicht. »Äh. Wir hatten den gleichen Friseur. Er hat ihn in der Zei­tung wieder­erkannt. Dom­browsky war kurz vor seinem Tod bei ihm unterm Messer.« Berge­manns Lachen endete in einem Hüsteln: »Eher unter der Schere. Dabei hat er die Wund­ränder gesehen und gefragt, was das sei. Dom­browsky war bass erstaunt und wollte es partout nicht glauben. Erst, als der Friseur ihm eine Auf­nahme vom Handy zeigte, ließ er sich über­zeugen. Er hatte defini­tiv keine Schmerzen. Die Wunde war ordent­lich verheilt.«

Susanne riss sich zusammen: Sie hatte Berge­mann die ganze Zeit angestarrt. Er räusper­te sich, um die pein­liche Stille zu unter­brechen. »Herr Mann­hardt, …« Sie sah sich um. Wann hatte ihr Chef den Raum ver­lassen? »Der Chef erwähnte ein ›Teufels­loch‹. Was ist damit?« Thomas schwenkte den Roll­stuhl herum. Sie versank in seinen Augen: »Azul! Wie der Himmel über Portu­gal. Als ob man durch einen Feld­stecher in den Himmel schaut.« Verwir­rung breitete sich auf seinem Gesicht aus. Susanne er­schrak: Hatte sie ihre Gedan­ken ausge­sprochen? »Ich habe keine Ahnung, Frau Hanne­mann! Mein Friseur meinte, Dom­browsky habe vor sich hin gemur­melt, als er das Foto mit der Kopf­wunde sah. Dass die Geschichte mit dem ›Teufels­loch‹ wohl doch stimmen würde. Mehr hat er von Dom­browsky nicht erfahren. Welchen Namen geben wir unserer Super-Soko?« »Halb und Halb«, platzte Susanne unüber­legt heraus. Tiefe Röte schoss über ihre Wangen: Wie pein­lich! Was hatte sie da wieder von sich gegeben. Dr. Berge­mann lachte aus vollem Hals. »Das trifft es auf den Punkt! Mann­hardt hat ja keinen Zweifel daran gelassen, dass er uns beide nicht für einsatz­fähig hält.« Er hielt inne.

Leiser ergänzte er: »Yin und Yang sind auch Halb und Halb. Und ergeben zu­sammen ein Ganzes.« Er errö­tete unter seiner Bräune und fingerte hek­tisch an einer Schreib­tisch­schub­lade herum. »Er sieht zum An­beißen aus.« Susanne bedachte ihn mit einem sehn­süch­tigen Blick, drehte sich rasch zur Seite. »Nehmen wir was Unver­fäng­liches: Soko Dom­browsky«, schlug Dr. Berge­mann vor. Susanne atmete tief durch. »›O. K. Das nehmen wir.«

»MännerTod« erscheint als E-Book und als Taschenbuch im März 2019.

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Die blaue Katze

Leo

Leo putzte sich ausgiebig: Sein Frauchen – sein persönlicher »Kühl­schrank- und Dosen­öffner«, wie er sie insge­heim nannte – hatte mal wieder seinen Geschmack genau getroffen.

Noch am späten Vor­mittag hatte es so gar nicht nach einem guten Tag ausgesehen: Frauchen schimpfte ständig und schob Leo immer nur zur Seite, wenn er laut miauend seine Kuschel­stunden auf ihrem Schoß einfor­derte. Am Ende hatte er sie sogar am Ärmel gezupft, um ihre Aufmerk­samkeit zu erregen.

Pech: Es klingelte – und Frauchen beachtete ihn wieder nicht. Leo hoffte zunächst, das Paket mit seinem Lieblings­futter sei gekommen. Doch Frauchen hatte nur eine blauen Dose und eine geöffnete Schachtel in den Händen. Das konnte ja nichts Tolles für ihn sein: Die Dose war viel zu klein! Frauchen setzte sich auf das Eck­sofa und öffnete behutsam die blaue Dose. Dabei summte sie leise eine Melodie. Leo hin­gegen brummelte unzu­frieden vor sich hin: Wenn Frauchen sich so verhielt, verlief der Tag immer ganz anders als ein »normaler« Tag. Er zog sich vorsorg­lich unter das Sofa zurück und lugte nur hinter einem Fuß hervor, wo er sie gut im Blick hatte.

Nicht, dass er »besondere« Tage in schlechter Erinne­rung gehabt hätte. Aber die damit einher­gehende Unge­wissheit ließ ihn bereits wieder ganz kribbelig werden. Weil ihn das entspannte, begann er, sich zu putzen. Die beruhi­gende Wirkung stellte sich umgehend ein: Frauchen füllte seinen Napf mit wun­derbar duf­tendem Futter. Leo schleckte eifrig. »Den brauche ich ja gar nicht mehr zu spülen«, lachte Frauchen, als er schnurrend um ihre Beine strich.

Satt und müde blinzelte Leo hin und wieder zu der blauen Dose hinüber, die noch immer auf dem Tisch lag. Schließlich stand Frauchen auf und verließ den Raum. Darauf hatte Leo nur gewartet: Vor Neugier hielt er es nicht mehr aus. Er sprang auf das Sofa, von dort auf den Tisch und schlich vorsichtig um die Dose herum: Kein inter­essanter Geruch, nur ein Anflug von Farbe und Metall. Beknabbern ging auch nicht, denn sie rollte davon, wenn er seine Zähne an ihr auspro­bieren wollte. Zum Spielen taugte sie auch nicht: Das lang­weilige Ding machte nicht einmal spannende Geräusche.

Offensichtlich hatte Frauchen das Interesse genauso schnell verloren, denn sie hatte die Dose einfach liegen lassen. Leos linke Vorderpfote – die immer so eigen­willige Sachen machte, wenn er etwas nicht mochte – schüttelte sich und gab der blauen Dose einen Schubs, während er vom Tisch auf das Sofa und von dort mit einem Satz in seinen Korb sprang, ohne dem langwei­ligen Ding noch einen Gedanken zu widmen. Doch plötzlich hörte er ein leises Geräusch vom Tisch: Die Dose rollte langsam auf die Tisch­kante zu. »Au weia«, dachte Leo, »das geht nicht gut.« Wenn Frauchen sich umdrehte und die Dose auf dem Boden lag, gäbe es garantiert Ärger.

Kurzentschlossen sprang er auf den Tisch, doch zu spät: Die Dose fiel vor seinen Augen in die Tiefe. Trudelnd prallte sie mit hässlichem »Plonk, plonk, plonk« auf den Boden, rollte ein paarmal hin und her und lag still. »Miau« klagte Leo: Die blaue Dose hatte nun eine deutliche Delle. Frauchen würde wissen, dass er der Übel­täter war. Merkwür­digerweise wusste sie immer Bescheid, wenn er etwas ange­stellt hatte. Sogar, wenn sie gar nicht dabei war! Mit dem zu erwar­tenden Donner­wetter war der Tag wohl ge­laufen.

Frauchen drehte sich in der Tür prompt bei dem Geräusch um. Sie kam zurück, bückte sich, hob die Dose auf, schüttelte sie leicht und zog ein ärger­liches Gesicht, als sie drinnen ein Klirren hörte. Leo machte sich klein und tat unbe­teiligt. Schließlich ging ihn diese Dose gar nichts an.

Frauchen öffnete die blaue Dose, schüttelte einen Gegen­stand heraus und spähte in das Innere der Dose. Dann zupfte sie mit dem kleinen Finger einen Zettel heraus, entfaltete ihn und strich ihn auf dem Tisch glatt. Dabei knisterte das Papier vernehm­lich unter ihren Händen. Nachdem sie den anderen Gegen­stand mehrfach in ihren Händen hin und her gewendet hatte, murmelte sie erfreut, »Glück gehabt«. Sie setzte die neue Lese­brille probeweise auf und wandte sich wieder der Tür zu, ohne Leo eines Blickes zu würdigen. Rasch hüpfte Leo auf den Tisch und inspizierte den entfalteten Zettel.

Eine blaue Katze schaute ihn mit großen Augen durch eine Brille mit runden, blinkenden Gläsern aus dem Papier heraus an. Leo umkreiste das zerknitterte Stückchen blassen Tranparent­papiers. Die Katzen­augen schienen seinen Bewegungen zu folgen. Leo schüttelte sich: »Blaue Papier­katzen können niemanden mit ihrem Brillen­blick verfolgen!« Das wusste er von den bunten Papier­stücken, die Frauchen sich immer vor die Augen hielt und ihm daraus erzählte, was in der Menschen­welt so vor sich ging. Leo mochte das Papier, weil es sich geräusch­voll zerfetzen und durch die Luft wirbeln ließ. Aber noch nie hatte ihn eines der Bilder mit den Augen verfolgt.

Gelangweilt wandte sich Leo ab, wollte elegant zum Sofa hinunter springen. Da hatte er das kribbelnde Gefühl, beobachtet zu werden. Mit bebenden Schnurr­haaren wandte er sich um und zuckte zusammen: Frauchen stand in der Tür und sah genauso aus, wie die blaue Brillen­katze auf dem Papier! Abwehrend schüttelte er seine Vorder­pfote, der Zettel geriet in Bewegung und segelte unter das Sofa. Frauchen hatte das Malheur wohl nicht bemerkt, denn sie verschwand mit ihrem Brillen­katzen­gesicht im Neben­zimmer.

Leo sprang dem Zettel hinterher und schnüffelte daran. Es knisterte unter seiner Nase. Wieder schien es, als verfolge die Brillen­katze seine Bewegungen. »Lass das, du Flohsack«, mur­melte jemand mit leicht verärger­tem Unter­ton, aber nicht unfreund­lich. Leo spähte umher, wer denn da ihm gegen­über so eine dicke Lippe riskierte. Doch da war niemand. Verwun­dert beäugte er wieder den knistern­den Zettel: Die Brillen­katze blickte ihn durch­dringend aus dem Papier an, rührte sich aber nicht. Leo umrun­dete den Zettel erneut, ließ dabei die blaue Brillen­katze keine Sekunde aus den Augen. Doch außer, dass sie ihn immer­zu an­schaute, geschah nichts.

Der Stein

Begegnung

18. Mai, 16:35
Ich gehe mit Garou auf dem Räuschen­berg spazieren. Zu meinen Füßen ist alles nur grau, grün und braun. Dazwischen glüht unver­mittelt ein schwarzer Stein auf wie eine Höhen­sonne, blendet mich, reißt mich an sich wie ein Magnet einen Nagel. Ich muss ihn mitnehmen! Merk­würdige Gedanken kreiseln plötzlich in meinem Kopf. Füllen ihn gänzlich aus Ich bin fassungs­los: Was geht hier vor?

18. Mai, 17:19
Der Stein liegt vor mir auf dem Schreib­tisch, zwingt meinen Blick zu sich hin, fesselt mich. Ich starre ihn an, zu jeder Bewe­gung unfähig. Täusche ich mich, oder flimmern seine Kon­turen tatsächlich. Meine Augen brennen von dem Versuch, den Stein zu fixieren. Ich reibe vergeb­lich. Dünne Strahlen drägen aus dem Stein zu mir hin! Nur eine Täuschung? Ich schiebe mit letzter Kraft ein Papier darüber.

19. Mai, 8:56
Nach einer schlaflosen Nacht, in der mich uner­klärliche, gestalt­lose Gedanken umtrieben, sitze ich schon wieder am Schreib­tisch: Ich will, nein, ich muss ihn berühren! Eine Woge der Angst schlägt über mir zusammen, es ver­schlägt mir den Atem, ich weiche zurück. Milli­meter für Milli­meter zerrt es meine Hand hin zu dem matten Schimmer. Seltsame Mase­rungen und Kratzer ziehen sich über ihn hin, zeugen von gefähr­lichen Ereignissen. Ein mächtiger Sog scheint den Stein von innen zusammen­zuziehen: Seine Oberfläche ist eingedellt wie eine Getränke­dose, die als Fussball miss­braucht wurde.

19. Mai, 9:03
Der Stein schaut aus wie der Schädel eines Urwelt­tieres. Sein Schwarz brennt vor dem hellen Holz des Schreib­tisches ein ebenso schwarzes Loch in mein Gehirn. Angst! Ich habe meine Hände nicht mehr unter Kontrolle. Krampf­artige Zuckungen bis in die Finger­spitzen peinigen mich. Quälen mich zu Tode, wenn ich ihn nicht berühre: Ich muss! ich kann nicht anders. Mein Wider­stand wirft Blasen wie ein lackiertes Blech im Feuer, schmilzt dahin, tropft zäh ins Nichts. Vorbei!

Der Stein hasst mich! Mein Finger klebt an seiner Ober­fläche. Ich schaffe es nicht, ihn zurück­zuziehen, mich von dem Stein zu lösen. Panisch schiebe ich mich mit den Füßen fort vom Tisch, fort vom Stein. Der Stuhl kippt polternd um. Das Geräusch reißt mich aus meiner Schreck­starre.

19. Mai, 9:07
Gefühle über­schwemmen mich: Hass! Angst! Fremd! Gefahr! Ich will das nicht! Fremde Gefühle strudeln mich willenlos IN das kalte Schwarz!

Ziel

Der Stein hat mich verschluckt! Hilflos schwebe ich in seinem Inneren. Rudere hektisch mit den Armen. Wo ist oben? Rund­herum endlose Tiefe. Fühlt Welt­raum sich so an? Du klebst im Nichts. Keine Orien­tierung. Dein Gehirn rebelliert, sucht Halt, will, braucht einen festen Punkt.

Der Stein! Ich hatte ihn voll­kommen vergessen! Jetzt nehme ich seine Kon­turen wahr, blicke hindurch. Sehe mich am Schreib­tisch sitzen: Riesig! Mich friert: Der Stein hasst mich. Abgrundtief! Er verzerrt sich zu einem grinsenden Toten­schädel, in dessen Hirn­schale ich herumdümpele. Ich schlage mit gro­tesken Bewe­gungen um mich wie ein Ertrin­kender, will zur durch­sichtigen Wand des Steins gelangen. Ich muss hier raus! Die Wand, der Stein zieht sich vor mir zurück. bleibt uner­reichbar, ungreif­bar.

Bin inzwischen kraft- und mutlos. Zwischen meine Gefühle drängen sich die des Steins: Sein Hass zerdrückt mich. Er zieht sich um mich zusammen. Mit ent­setztem Ers­taunen bemerke ich hinter dem Hass Hilflosig­keit: Der Stein braucht mich! Ich frage mich schaudernd, wofür? Meine Schreie ver­hallen ton­los. Panik treibt mich zu selbst­zerstöre­rischer An­strengung: Raus! Egal wie, nur weg von hier!

Ich gebe auf. Kann nicht mehr. Will nicht mehr. Ich öffne meine Augen. Tränen­blind erkenne ich: Der Stein hüllt mich ein. Unge­rührt von meiner Panik, meinem Ent­setzen. Wo bleibt das Ende? Spielt er mit mir? Gefällt er sich darin, meine sinn­losen Bemühun­gen in seinem Inneren zu be­lächeln? Warum? Was will er von mir?

Ich schaue mich verzweifelt an: Da draußen sitze ICH am Schreib­tisch. Wie tot! Das bin ich hier drinnen ja irgend­wie auch. Ruhe. Schlaf. Tod. Ich spüre mich nicht mehr.

Gedanken­blasen perlen in mir hoch wie in einer geschüttel­ten Sekt­flasche: »Ich bin draußen!« Heftig schlage ich mit dem Kopf auf den Schreib­tisch.

Der Handleiher

Das Leben des Johannes Nessel

Näher, mein Gott, zu Dir

Seine Hände glitten sanft über die dünne Decke hinauf zu seiner schmer­zenden Brust. Doch er spürt schon seit einigen Tagen nicht mehr das beru­higen­de Pul­sieren in seinen Hän­den, das ihn sein ganzes Leben beglei­tete. »Hat sich der All­mächtige nun endlich ent­schlossen, mich zu sich zu rufen.» Johannes stellte es ohne Bedauern fest. So war es immer, so würde es ewig bleiben: Vertraue auf GOTT, Deinen HERRN! Das war Johannes simple Lebens­regel, seit er seine ›heilend­en Hände‹ entdeckt hatte. Der Schmerz atmete tief, um sich für den nächsten, vielleicht den letzten, Angriff zu rüsten. Johannes ent­spannte sich und sank in einen unruhi­gen Schlaf.

Der Ruf

Der Junge schreckte auf: Jemand hatte ihn gerufen. Sitzend lauschte er in die Dunkel­heit. Der Morgen war noch fern. Leicht­füßig schlüpfte er die Stiege hinunter und horchte erneut in die kalte Nacht. Nichts! Er wandte sich bereits wieder der Stiege zu, als ein Flüstern in seine Ohren drang. Wie aus großer Ferne wehte eine sanfte Stimme heran. Der Junge erspürte eine unge­heure Kraft unter dem Flüstern: »Johannes! Spute Dich! Deine Schwester bedarf Deiner Hilfe. Spüre Deine Hände und hilf ihr!«

Der Junge stand einen Moment verwirrt und un­schlüssig auf der großen Tenne. Woher kam die Stimme? Kein Schatten, kein Atmen, keine Bewe­gung verriet die Anwe­sen­heit eines anderen Menschen. Johannes zog ängst­lich die Schultern hoch. Neuer­dings hörte er häu­figer eine fremde Stimme, die ihm dies oder das auftrug. Manchmal waren es Dinge, die für einen Fünf­jährigen ganz schön schwer waren. Doch meist war es einfach: Er sollte nur seine Hände spüren, wenn es jeman­dem schlecht ging.

Seine Hände wussten immer von selbst, was zu tun war, wo es weh tat. Oft waren die Kranken anderer Mei­nung und wollten seine Hände dort­hin schieben, wo sie den Quell des Schmerzes vermu­teten. Aber seine Hände irrten sich nie! Sie fühlten sich in diesen Momenten so merkwürdig an: pelzig und prall.

Wenn Johannes sich ganz vergaß, machte GOTT etwas mit seinen kleinen Händen – und das Schlechte, das Krank­machen­de wurde schwächer und verschwand schließlich. Johannes dachte immer: »GOTT leiht sich meine Hände, ohne dass ich ihn sehen kann. Aber ich spüre ihn ganz fest in meinen Händen.«

Johannes hoffte immer noch gegen alle Vernunft, den Allmäch­tigen einmal zu Gesicht zu bekommen. Er lachte, während er barfuß durch die Nacht lief. Die Kühe im Stall würden es schon einige Stunden ohne ihn aus­halten. Zur Melk­zeit wäre er bestimmt zurück.

Lisa

»Wo kommst Du denn her, Johannes? Du solltest doch bei den Kühen bleiben. Marsch, geh sofort zurück!« Die Mutter sagte es barsch, doch nicht unfreund­lich. Johannes fühlte ihre Sorgen in ihrer Stimme. »Ich wollte nur nach Lisa schauen. Sie braucht meine Hilfe, hat GOTT zu mir gesagt. Da musste ich doch gehor­chen.« Seine Mutter nickte ge­quält: Manch­mal nervte der naive Gottes­glaube ihres jüngsten Sohnes gewal­tig. Aber da ihn in solchen Momen­ten nichts und niemand von seiner Ab­sicht ab­halten konnte, ließ sie ihn achsel­zuckend gewähren.

Vielleicht war es ja auch gut so: Lisa war todkrank. Arzt und Priester waren ausnahms­weise einmal einer Meinung: Mit ihrer Tochter Lisa ging es rasch zu Ende. Noch einige Tage, einige Wochen mochten ihr vergönnt sein. Sie fühlte Bitter­nis in sich aufstei­gen. Ihre Tochter würde nicht am Grab ihrer Mutter beten und an sie denken. Der Schmerz in diesem Gedanken sprengte der Mutter fast die Brust. Konnte das Gottes Wille sein? Das musste es wohl, denn nach mensch­lichem Ermessen gab es keine Hoff­nung, keine Hei­lung.

Ein lauter Schrei, der in ein erlöstes Stöhnen über­ging, riss die Mutter aus ihren trüben Gedanken. »Lisa!« Aus ihrer Kammer war der Schrei ertönt. Was hatte Johannes wieder ange­stellt? Das Bild, das sich ihren Augen bot, konnte schreck­licher nicht sein: Lisa wälzte sich nackt und stöhnend auf dem Boden, als würden Krämpfe sie schütteln. Johannes stand über ihr mit blut­tropfen­den Händen und blickte angst­voll auf seine halb­wüch­sige Schwester hinunter. Das Blut an seinen Händen schien er nicht wahr­zu­nehmen.

»Was hast Du getan?«, schrie die Mutter entsetzt. Grob stieß sie ihn zur Seite und kniete neben ihrer Toch­ter nieder. »Nichts!«, protes­tierte Johannes em­pört. Doch seine Mutter hörte ihn nicht: Mit klammem Herzen beugte sie sich zu Lisa hinunter, deren Stöhnen in­zwischen in ein hei­seres Lachen über­ge­gangen war. Keuchend und lachend setzte Lisa sich auf, hockte ihrer Mutter gegen­über. Der magere Körper, der erste frauliche Run­dungen an­deutete, bebte im Takt des Keuchens und Lachens. Dann sprang sie auf, zog ihre Mutter mit sich und tanzte im Raum umher, wie von der Taran­tel ge­bissen. Ver­wirrt drückte sie ihre Tochter an sich. Waren das die letzten Leben­saus­brüche vor dem Tod? Wo kam die leben­dige Kraft auf ein­mal her, mit der der schmale Leib um sie herum­wirbelte?

»Kind! Was ist mit Dir geschehen? Was hast Du denn?« Sie spürte den kindlichen Leib, der schon vom Tod gezeichnet schien. Doch da war etwas Neues, Anderes: Unbän­dige Lebens­energie tobte nun in ihrem Kind, das ihr wegen der schweren Geburt beson­ders ans Herz ge­wachsen war: Beinahe wären sie beide bei der Geburt gestor­ben. Sie schob Lisa verwirrt von sich. Dann erschrak sie heftig: Das Mal des Todes, die gewal­tige Geschwulst, die den Leib ihres Mädchens so grausig ent­stellt hatte, war fort! Nur eine hand­teller­große, rosa­farbene Stelle auf der bleichen Haut zeugte noch von ihrer Existenz.

»Er hat das gemacht!«, lachte Lisa und deutete auf Johannes. Der stand in einer roten Lache. Noch immer tropfte Blut von seinen herab­hängen­den Händen. Reg­los stand er, wie gebannt, ohne seine Umge­bung wahr­zu­nehmen.

»Was? Wie? Was hat Johannes gemacht?«, stotterte die Mutter konsterniert. »Johannes hat seine Hände auf meinen Bauch gelegt, während ich schlief. Sein Puls pochte so heftig, dass ich ihn deut­lich fühlen konnte. Dann gab es einen furcht­baren Ruck, als ob ich zer­rissen würde. Ich glaubte, ich sterbe. Plötzlich wurde ich ganz leicht – und alle Schmer­zen waren aus­ge­löscht. Ich fühle mich gesund, leben­dig, glück­lich!« Weinend flüchtete sie in die Arme ihrer Mutter. Die wandte sich ihrem er­starrt daste­hen­den Sohn zu. Mit Ent­setzen betrach­tete sie ihn, sah ihn an wie einen Fremden, der ihr zum ersten Mal begeg­net.

Vor ihm niederkniend, rüttelte sie ihren Jüngsten und nahm ihn ernst in die Arme. Allmäh­lich löste sich seine Er­starrung. »Was hast Du denn, Mama?« Johannes schaute ihr fragend ins Gesicht. »Ich habe nur meine Hände gespürt. So, wie ER es mir gebo­ten hat.« Schau­dernd streichel­te sie über den Kopf des Jungen. Zwischen Angst und Ent­setzen schwan­kend, fragte sie sich, was aus ihrem Jungen werden würde.

Schwarze Kunst

Der Karton

Besuch im Gutenberg-Museum in Mainz: Ehrfürchtig betrachte ich Exponate, die die Entwicklung der »schwarzen Kunst« widerspiegeln. Wie viel handwerkliches Geschick sich in diesen oft skurrilen Apparaten offenbart! Gleichzeitig strahlen die Gerätschaften eine eigenartige Ästhetik aus.

Ich drucke eigenhändig eine Seite der berühmten Gutenberg-Bibel: Schwerstarbeit an der Handpresse. Erfreue mich an der würdigen Ausstrahlung des Druckbogens.

Es ist Mittagszeit. Wie auf ein geheimes Kommando drängen die Besucher zum Ausgang. Eben noch von Lärm erfüllte Gänge atmen nun köstliche Stille. Ich schlendere ungestört durch die weitläufige Ausstellung. Verharre ab und an für Augenblicke des Staunens. Ein Räuspern schreckt mich aus meinen Gedanken.

Ein Herr, altmodisch gekleidet, steht im Durchgang zwischen zwei Sälen und beobachtet mich. Von den Mundwinkeln kriecht ein schiefes Lächeln über sein Gesicht. »Sie interessieren sich für die Kunst des Druckens?« Italienischer Akzent? Sein Gesicht bietet meinem Blick keinen Halt: nicht Mann, nicht Frau. Etwas dazwischen. Ein Zwitter-Gesicht auf einem Hals, der wie die Stange eines Kleiderständers aus einem unmodernen Anzug mit Weste ragt.

»Wieso fragen Sie?«, reagiere ich überrascht, denn ich halte ihn für eine Aufsicht des Museums. Er streckt mir wortlos einen abgeschabten Karton entgegen. Die Deckelseiten sind nach innen gefaltet. Ich erkenne silbrig glänzende Lettern und eine Setzschiene, einen ›Winkelhaken‹, wie er mir erklärt. »Probieren Sie es.« Ich verstehe nicht, was er meint. »Setzen Sie etwas Bedeutsames. Das ist eine Kunst, die heute kaum noch jemand beherrscht.«

Er betont das Wort ›Kunst‹, als schmecke er etwas Exquisites. Entschlossen stellt er den Karton auf einem Tischchen ab und verneigt sich leicht. Ohne Gelegenheit zu einer Erwiderung zu geben, verschwindet er in den verzweigten Gängen. Ich zögere, will ihm ein »Nein. Vielen Dank!« hinterher rufen.

Doch er ist schon fort. Nicht einmal seine Schritte höre ich. Bin hin- und hergerissen: Sollte ich nicht einfach gehen? Oder doch bleiben? Was soll das Ganze? Seufzend sinke ich auf einen Stuhl vor dem zerbrechlich wirkenden Tischchen. Wähle Lettern aus dem Karton und reihe sie auf der Tischplatte aneinander. Geschwärzt vom häufigen Gebrauch stehen die Buchstaben spiegelbildlich vor mir. Die Bleisockel zeigen matten Glanz, fühlen sich klebrig an, wie geölt.

Ich setze wahllos Buchstaben auf den Winkelhaken. Etwas Bedeutsames soll ich setzen? Mir fällt nur der einfältige Satz »Wo bist Du? Ich bin hier« ein. Buchstabe für Buchstabe wühle ich aus dem Durcheinander im Karton heraus. Unverständliches Geplapper aus dem Nebenraum lenkt mich ab: Da war doch niemand mehr. Ich springe auf und schaue in den angrenzenden Raum: Er ist leer. Nachdenklich kehre ich an das Tischchen zurück. Auf der Schiene steht ein Wort: »Lettern!«

Das habe ich nicht gesetzt! War jemand hier? Ich schüttele die Lettern in den Karton und beginne von Neuem. Setze Buchstabe für Buchstabe auf den schweren Winkelhaken: »Wo bist D...«. Eine unsichtbare Kraft schiebt meine Buchstaben ungeduldig klappernd von der Schiene. Was immer ich nun setze, wie durch einen Zauber erscheint stets nur: »Lettern«.

Irritiert suche ich den älteren Herren, der mir den Karton in die Hand drückte. An der Kasse erfahre ich überrascht, dass es hier keinen älteren Herrn als Aufsicht gibt. Da habe sich wohl jemand einen Scherz erlaubt. Die Bleilettern gehören entsorgt: in die Gitterbox neben dem Ausgang. Erleichtert lasse ich den Karton hinein fallen.

Der blaue Schirm

Erste Begegnung

Der Tag war wie geschaffen für eine Depression. Ich hatte mich vor den Fluten des Himmels unter den Balkon über der Freitreppe des Rathauses geflüchtet. Trotzdem war ich nass bis auf die Haut. Der dünne Pullover über dem T-Shirt schien sich zu einem Eispanzer um meine Brust zusammenzuziehen.

Bibbernd beobachtete ich den schwarzen Strom, der sich mir entgegenwälzte: Regenschirme in allen Nuancen von Schwarz und Grau, der sich vor mir am Fuß der Treppe teilte. Nur einige unentschlossene Schirme kreiselten vor der Treppe herum, ohne sich für eine Richtung entscheiden zu können.

Von meinem erhöhten Standpunkt aus wirkten die Schirme herrenlos: Unter dem schubsenden, schiebenden, schwarzen Gewusel blieben die Träger unsichtbar. Mir drängte sich der Eindruck eines hungrigen Mischwesens aus Kellerassel und Tausenfüßler auf. »Du solltest nicht Biologie studieren, sondern Science-Fiction-Romane schreiben«, hörte ich im Geiste meinen Mitbewohner im Studentenheim dozieren.

Während ich gewohnheitsmäßig Block und Stift aus dem Rucksack zog, um meinen ›Kellerassel-Tausendfüßler‹ zu skizzieren, nahm ich eine irritierende Störung am Rande meines Gesichtsfeldes wahr. Mit zusammengekniffenen Augen hob ich den Blick. Die Schwarzfront war gestört: Ein blauer Schirm tänzelte eilig durch die Menge. Fast schien es, als wichen die schwarzen Schirme vor der intensiven Farbe zurück.

Fasziniert verfolgte ich den Weg des leuchtenden blauen Flecks auf mich zu. Zielsicher steuerte der Schirm auf die Treppe zu, wich elegant den zögerlichen Kandidaten aus, die am Treppenfuß umherirrten. Dann stieg der Schirm wie eine blaue Venus aus schwarzem Wasser die Treppe herauf. Mit offenem Mund starrte ich das grazile Mädchen an, das gerade den Knauf des Schirmes in die andere Hand wechselte. Dabei schüttelte sie ihren Kopf, dass ihre hüftlangen Haare sie umflossen wie eine nussbraune Stola.

Lächelnd schenkte sie mir einen strahlenden Blick und schwebte an mir vorüber. Gebannt von diesem Blick verpasste ich die Gelegenheit, mit ihr das Gebäude zu betreten. Als ich endlich aufsprang und ihr folgte, war sie schon verschwunden. Hektisch rannte ich die Gänge auf und ab, schaute in etliche Räume, doch ich fand sie nicht wieder. Mir blieb nur die Erinnerung an strahlend blaue Augen, eine braune Mähne – und einen blauen Schirm.

Dann entdeckte ich die Regentropfen auf den Bodenfliesen. Mein Herz begann zu rasen. Blind für alles andere hastete ich auf der Spur der Regentropfen entlang, an deren Ende ich SIE zu finden hoffte. Eine Tür ins Freie beendete meinen Freudentaumel jäh: SIE hatte das Gebäude wieder verlassen, war im Trubel der Einkaufsstraße verschwunden, ohne mir durch ihren blauen Schirm ein Signal der Hoffnung auf ein Wiedersehen zu geben.

Die »Fantasien« werden fortgesetzt und zu gegebener Zeit als Taschenbuch veröffentlicht.

Der Berg

Fantasy aus Höxter

Bielefeld, Radio Westfalia, August 2018

Gülay Witthake, die hochgewachsene Klimawissenschaftlerin aus Ostwestfalen, schaute geistesabwesend aus dem Studiofenster in das dichte Schneetreiben: »Es hat begonnen!« In den letzten Minuten hatte sie sich nicht mehr an der nervigen Diskussion beteiligt, ob der Klimawandel nun eingetreten sei oder nicht. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie die Studiotür aufgerissen wurde. Der Moderator sperrte irritiert die Mikrofone. Die rote Leuchtschrift »Auf Sendung« erlosch. Der junge Mann, der aufgeregt hereingestürmt war, hielt dem Moderator einen Zettel hin und lief im Eilschritt hinaus.

Die ernsten Worte des Moderators weckten sie aus ihren Gedanken: »Meine Dame, meine Herren! Ich erhielt soeben eine Mitteilung, aufgrund derer ich unsere Diskussion als beendet bezeichnen darf. Unsere Meterologen haben ein ausgedehntes System von Schneestürmen und Tiefsttemperaturen über dem Nordatlantik ausgemacht, das an Stärke ständig zunimmt und sich immer weiter nach Süden ausbreitet. Die Meteorologen erwarten eine mehrwöchige Kälteperiode über der ganzen Nordhalbkugel. Damit dürfte Frau Dr. Witthakes Auffassung, der Klimawandel sei tatsächlich bereits eingetreten, endgültig durch die Realität bestätigt sein. Ich schließe die Runde vorzeitig und empfehle Ihnen, sich schnellstmöglichst auf den Heimweg zu machen. Die Straßen werden in wenigen Stunden unpassierbar sein. Ich hoffe und wünsche uns allen, dass wir uns irgendwann gesund und munter hier wiedersehen werden.«

Hastig rannten alle Beteiligten der Diskussionsrunde aus dem Studio. Der Moderator hielt Gülay mit einem Wink zurück. Müde drückte er ihre Hand: »Ich danke Ihnen für ihre stete Ruhe und Sachlichkeit. Sie waren immer ein helles Licht unter den vielen wissenschaftlichen Dumpfbacken. Ich hoffe, Sie überleben das Chaos auf irgendeine Weise. Sie haben es verdient.« Dann klopfte er ihr leicht auf die Schultern und verließ das Studio. Er ging gebeugt, wirkte auf einmal furchtbar alt, obwohl er nur wenig älter als Gülay sein mochte. Sie verließ das Gebäude schnell und schlurfte durch die weiße Pracht. Bei jedem Schritt stoben die Flocken wie Motten um ihre Beine.

»Hoffentlich schaffe ich es noch nach Fürstenau!«, entfuhr ihr ein Stoßgebet, als die Räder beim Verlassen des Parkplatzes durchdrehten. Die Sommerreifen boten nicht die besten Voraussetzungen für eine Fahrt durch trockenen Pulverschnee. Solange es noch Spuren anderer Fahrzeuge gab, ging es einigermaßen voran. Doch schließlich schlingerte sie allein durch das dichte Treiben winziger Flocken. Der Scheibenwischer schob den Schnee nur noch mühsam beiseite und teilte den Blick nach vorn in regelmäßige Portionen. Der stressigen Fahrt zum Trotz glitten Gülays Gedanken zurück in die Vergangenheit.

Bestätigung

John McDee war vor einigen Jahren in ihr Leben getreten: Auf einem Klimatologen-Kongress in Aberdeen hatte sie ihn kennengelernt. Für seine extreme Position, der Klimawandel würde die Nordhalbkugel in einigen Jahren schlagartig unbewohnbar machen, wurde er ausgelacht. Abends traf sie ihn an der Hotelbar wieder. Über einigen Whiskeys lernten sie sich kennen: ein angenehmer, unaufdringlicher Gesprächspartner. Er lud sie ein, seine Theorie am nächsten Tag in seinem Labor in Aberdeen selbst zu überprüfen. Dann war er schwankend in seinem Zimmer verschwunden.

Sie glaubte nicht, dass er es ernst gemeint hatte. Trotzdem fuhr sie nach dem Frühstück zur angegebenen Adresse. Er war schon da. Ziemlich verkatert zwar, aber gut vorbereitet: Er erläuterte seine Theorie, seine Annahmen, seine Quellen und die verwendete Software. Dann überließ er Gülay das Labor und verschwand in einer Kammer mit Pritsche.

Kurz darauf hörte sie ihn regelmäßig schnarchen. Sie prüfte sorgfältig jedes Detail, ließ Johns Modell mehrfach auf verschiedenen Rechnern und mit unterschiedlicher Software laufen. Dann änderte sie einige seiner Annahmen entsprechend ihres eigenen Modells. Nach etlichen Stunden hockte sie erschüttert auf ihrem Stuhl: Die Ergebnisse waren schockierend und bestätigten Johns Position so eindeutig, dass keine Zweifel blieben.

Obwohl es erst früher Nachmittag war, dämmerte es bereits. Sie suchte nach etwas Essbarem und wurde in einer winzigen Kochnische fündig. Duftende Rühreier mit Speck lockten John schließlich aus seiner Kammer. Sie aßen schweigend. Erst beim Abräumen des Geschirrs bemerkte John: »Es hat Dich auch umgehauen?« Gülay nickte stumm. »Was jetzt?« Johns Frage schwebte lange unbeantwortet im Raum. Sie straffte sich mit einer heftigen Bewegung: »Ich weiß es noch nicht. Aber ich werde vorbereitet sein. Lass mich einige Ausrüstungen mit langen Lieferzeiten gleich von hier aus bestellen. Brauchst Du auch etwas? Soll ich für Dich mitbestellen?«

Nach einem Moment des Nachdenkens schüttelte er den Kopf: »Das ist nicht mein Weg, mit der Erkenntnis umzugehen.« Als sie fertig war, umarmten sie sich. Er küsste verlegen ihre Wange und drückte sie aufgewühlt an sich. »Du wirst es schaffen. Du überlebst dieses Chaos. Ich wünsche Dir alles Gute!« Hastig schob er sie aus der Tür und schloss sie rasch.

Verwirrt war sie ins Taxi gestiegen. Ihr Flug hatte Verspätung. Sie versuchte, John anzurufen, hinterließ eine Nachricht auf seiner Sprachbox, da er sich nicht meldete. Wenige Tage nach ihrer Heimkehr erhielt sie eine Mitteilung, John habe sich das Leben genommen.

Gülay war so erschüttert, dass sie in einer Kneipe versackte. Nachdem sie wieder nüchtern war, setzte sie ihre Vorbereitungen umso verbissener fort. Bald war der alte Hof, Erbe ihres Großvater, für den Ernstfall gerüstet.

»Der Berg« wird fortgesetzt und zu gegebener Zeit als Taschenbuch veröffentlicht.